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Geschrieben von: Winfried Dulisch   

Alles ganz dicht?

Die Bäckerei-Fachverkäuferin zeigt auf die Verpackung der Tchibo-Uhr: "Hier steht es - wasserdicht bis 30 Meter." - Ich bin begeistert: "Darf ich die Uhr kurz in ein Glas Wasser tauchen?" - "Nein." - "Warum nicht?" - Die Bäckerei-Fachverkäuferin in der Tchibo-Filiale weiß darauf keine Antwort.

Die mehrfach gepiercte und mit Modeschmuck angereicherte Strahlefrau in der Uhren- und Schmuck-Abteilung eines Innnenstadt-Kaufhauses berät schon ein wenig kompetenter: "Diese Meter-Angaben sind doch nur DIN-Normen." Was diese Normen besagen, kann sie mir nicht erklären.

Dabei benötige ich doch nur eine Uhr, die ich beim Strandurlaub nicht auf dem Badehandtuch zurück lassen muss - sondern die ich mitnehmen kann ins Wasser. Ein Uhrmacher warnt mich: "Mit einer bis 30 Meter wasserdichten Uhr dürfen Sie weder schwimmen noch tauchen." - Und mit welcher Uhr kann ich an der Wasseroberfläche rumplanschen und kraulen? - Der Uhrmacher: "Wenn sie wasserdicht ist bis 50 Meter. Dann dürfen Sie die Uhr sogar unter der Dusche tragen." Und er erklärt mir, dass eine nach DIN 8310 wasserdichte Uhr widerstandfähig sein muss "gegen Schweiß, Wassertropfen, Regen und gegen 30 Minuten langes Eintauchen in Wasser von einem Meter Tiefe."

Ich habe endlich eine verwertbare Auskunft erhalten. Ob denn der Uhrmacher vielleicht mal ein Glas Wasser holen kann, damit ich …..? - Nein, das will auch er nicht.

Denn diese Meter-Angaben werden nicht unter Wasser gemessen. Sie sagen nur aus, dass eine Uhr jenem Druck standhält, der in einer bestimmten Wassertiefe herrscht. "Wasserdicht bis 30 Meter" bedeutet: Widerstandsfähig bis 3 bar Überdruck. In 50 Meter Tiefe herrscht ein Druck von 5 bar, in 100 Meter entsprechen 10 bar, und so weiter.

Also ist in einer bis 30 Meter wasserdichten Uhr "genug Luft drin", um damit für ein paar Sekunden abtauchen zu können? - Denkste. Wenn ich in einem Meter Tiefe schnorcheln will, soll meine Uhr bis 100 Meter dicht sein; andernfalls muss ich sie unterm Handtuch im Sand verstecken, wo sie zur leichten Beute für Strandräuber wird.

Und überhaupt: Wie ist das mit Sand? Darauf können mir weder die Tchibo-Filialleiterin noch der Uhrmacher eine DIN-konforme Antwort geben. Also frage ich per eMail direkt bei  den Uhrenherstellern an - vor allem bei jenen, die gerne damit werben, wie gut ihre Produkte den Stürmen des Lebens widerstehen. Aus der Schweiz kam die Antwort: "Sehr geehrter Herr Dulisch, wir sind an Ihrer journalistischen Arbeit nicht interessiert. Besten Dank. Nicolas Richert, Administrator Oris SA". Mühle/Glashütte ließ mir bereits im Jahr 2000 durch einen Rechtsanwalt ausrichten, dass meine Recherche- Anfragen unerwünscht sind; ich werde also nie wissen, welche Erfahrungen die Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger mit einem speziell für sie entworfenen Nautischen Instrument aus Sachsen gemacht haben. Und ob ich mit einer Navitimer ins Kinderplanschbecken springen darf, das konnte mir auch kein Breitling - Pressesprecher beantworten.

Von UTS-München kommen dagegen verwertbare Aussagen. Der Diplom-Ingenieur Nicolaus Spinner garantiert: "All meine Uhren sind kompromisslos wasserdicht bis mindestens 100 Meter - also bis 10 bar druckfest, einige Modelle sogar bis 30 bar. Das gilt für Salz- wie auch Süßwasser, für Luft, Öl oder andere Medien. Ob jemand nur stark schwitzt oder mit ihnen abtaucht, das ist meinen Uhren gal." Eine Profi-Taucheruhr, die bis 300bar druckfest sein soll, befindet sich bei UTS gerade in der Entwicklung. Reklamationen gab es bei Nicolaus Spinner noch nie: "Jede Uhr wird vor der Auslieferung umfangreich getestet. UTS-Uhren sind und bleiben wasserdicht für jede Wassertiefe, in die ein Normalverbraucher üblicherweise vordringen kann." Außerdem geht Nicolaus Spinner in den Bedienungsanleitungen seiner Zeitmesser speziell auf die Wasserdichtigkeit und erklärt die richtige Handhabung. Und überhaupt: "Alle UTS-Uhren können ohne  Rücksicht auf die Anwendung am Arm des Trägers bleiben. Alles was der Mensch aushält wird auch problemlos von der UTS Uhr vertragen."

Peter Herrmann vom technischen Service bei ARISTO Watch sichert ebenfalls zu: "Wasserdicht ist bei uns wasserdicht - egal welches Wasser." Probleme bereitet ihm schon eher das menschliche Versagen einiger Uhrenträger - vor allem im Urlaub: "Auch unser - bis 200 Meter dichtes - Modell Aquaristo ist nur dann vor eindringendem Wasser geschützt, wenn die Schraubkrone wirklich fest verschraubt worden ist. Andernfalls benötigt die Aquaristo - wie auch die Taucheruhren von anderen Herstellern - einen Nachurlaub in der Uhrmacher-Werkstatt." Außerdem erinnert Peter Herrmann daran, "dass überalterte Dichtungen Probleme machen können. Deshalb gilt bei uns die Wasserdichtheitsangabe für eine fabrikneue Uhr maximal zwei Jahre. Vor ihrem Einsatz beim Wassersport sollten diese Uhren auf jeden Fall vom Fachmann auf ihre Druckfestigkeit - und damit auf ihre Dichtheit - überprüft werden." Aristo-Chef Hansjörg Vollmer nennt in seinen Ferien-Tipps auf der Website www.aristo-watch.de weitere Situationen, in denen sich viele Uhrenträger keine Gedanken über die Widerstandsfähigkeit ihrer Uhr machen: "In eine Sauna oder Dampfbad gehört keine Uhr. Da soll man es so halten wie mit den anderen Kleidungsstücken auch - ausziehen!"

Brigitte und Olaf Vockerodt empfehlen für die Produkte ihrer Marke Uhren Forum ebenfalls: "Keine Sauna, kein Dampfbad!" Aber sämtliche ihrer Uhren darf der Käufer anbehalten "beim Brausen, beim Baden in kaltem oder heißem Wasser. Feuchtigkeit und Kälte beim Wintersport sind auch kein Problem für unsere Uhren." - Wie weit gelten die "Atm"-Angaben des Uhren Forum auch für den Schutz gegen Staub, Öl und andere Schadstoffe? - Olaf Vockerodt: "Wir pressen die Uhren mit 10 bar ab." Auch all jene Käufer, die ihre Uhren weniger stark belasten, erinnern die Vockerodts auf ihren Rechnungen daran: "Krone gut zudrehen, alle drei Jahre auf Druckfestigkeit überprüfen lassen." Brigitte Vockerodt "Für stark schwitzenden Uhrenträger sind alle Modelle vom Uhren Forum geeignet, wenn ein Stahlband verwendet wird".

Ein Tabu-Thema war für die meisten Befragten die "Verkaufsberatung". Weder die Tchibo-Filialleiterin noch die Hersteller von prominenten Taucheruhren-Marken wollten sich dazu bekennen, dass manch ein Zeitmesser wegen falscher Information des Kunden einen Wasserschaden erlitten hat. Nur Jürgen Karl in der Serviceabteilung bei der Fossil Distribution GmbH antwortete auf "Haben Sie schon mal Reklamationen von Endverbrauchern erhalten, weil diese von einem Verkäufer über die Wasserdichtheit einer Uhr falsch informiert worden waren?" offen und ehrlich mit "Ja, das kommt vor." Damit klingen auch die übrigen Aussagen des Fossil-Mitarbeiters vertrauenswürdig. Einem stark schwitzenden Uhrenträger empfiehlt Jürgen Karl ein Modell "mit einer Druckfestigkeit von mindestens 3 Atm. Und allein schon aus hygienischen Gründen und wegen der längeren Haltbarkeit eher eines mit Metallband. Diese Bedingungen werden erfüllt von Uhren aus unseren Serien Blue oder Arkitekt." Die Frage nach Süß- und Salzwasser ist für Fossil unerheblich, denn "die DIN8310 macht hier keinen Unterschied." In der Sauna oder im Dampfbad sollten auch Fossil-Träger ihre Uhr ablegen. Jürgen Karl: "Aber beim Brausen und Baden können Fossil-Uhren mit einer Druckfestigkeit ab 10 Atm - zum Beispiel unsere Modelle AM-3574 oder AM-3660 - problemlos verwendet werden."

Nachdenklich reagiert Klaus Ulbrich beim Stichwort "Wasserdicht". Der Uhrenmacher (Markenname: Temption) erinnert mich daran: "Bei einer Uhr gibt es Effekte, die mit einer Meterzahl oder Atm gar nicht wiedergegeben werden können. Beispielsweise ist der Wasser-Stress beim Schwimmen an der Oberfläche größer als beim Tauchen. Zusätzlich wirken Kronen und Chronographen-Drücker als Pumpen. Die entsprechende DIN-Vorschrift ist hier nur Makulatur." Klaus Ulbrich gewährt Einblicke in seine Temption-Werkstatt: "Alle unsere Uhren werden mit 10 Atm angeboten. Wir testen die Uhren unter diesem Druck. Deren Design ist zwar für wesentlich höhere Druckbelastungen geeignet. Aber wir haben mit Absicht keine Geräte zum Test über mehr als 10 Atm angeschafft, weil wir höhere Angaben als Unfug und reines Marketing-Imponiergehabe empfinden." Klaus Ulbrich warnt dringend davor, Uhren höheren Temperaturen auszusetzen. "Die Dichtheit ist dann zwar immer noch gewährleistet. Aber die Öle im Inneren der Uhr werden jedoch dünnflüssig und wandern weg von jenen Schmierstellen, an denen sie eigentlich gebraucht werden." Deshalb gilt auch für Temption-Uhren: "Keine Sauna! Aber gegen Staub und eindringendes Öl sind meine Uhren geschützt."

Die meisten dieser Auskünfte von Uhrenmachern galten für mechanische - und nicht für elektrisch betriebene Zeitmesser. Viele Hersteller garantieren nach einem Batterieaustausch nur dann für die Wasserdichtigkeit, wenn der neue Energieträger in der Service-Zentrale eingesetzt wurde. Denn oft genug schon hatten Schuster-Schlosser-Alleskönner, die während eines Schnellkurses auch in die Geheimnisse des Batteriewechseln eingeführt worden waren, beim Wiederverschließen des Gehäusebodens den Dichtungsring vergessen oder falsch eingesetzt: "Macht vier Euro fünfzig. Weiterhin viel Spaß mit der Uhr!". Besitzer von Seiko- oder Citizen-Unterwasseruhren sollten vor ihrem nächsten Tauchgang im Roten Meer also früh genug nachprüfen, ob sich der Sekundenzeiger bereits im Zwei-Sekunden-Takt bewegt und eine Energieauffrischung benötigt.

Alle Uhrenhersteller hatten sich übrigens um eine Antwort gedrückt bei der Frage: "Darf ich Ihre Uhren auch beim Geschirrspülen tragen?" Die Küche ist für wasserdichte Uhren keineswegs ein Nebenkriegsschauplatz. Denn manche Uhr für harte Männer wurde ausgerechnet im hausfraulichen Hoheitsbereich weich, weil ein Fett lösendes Spülmittel das Dichtungsmaterial zerstörte.

Eine friedliche Zeit wünscht Ihnen
Ihr Winfried Dulisch
© Winfried Dulisch
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An der Marienlinde 20
48291 Telgte
Telefon 0 25 04 / 922 920 (31.10.2003)


 
 

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